Aus Jux & Tollerei
Einsatzgeschichten ohne Punkt, mit Komma.
Manchmal tippe ich beim Lesen mit dem Finger auf ein einzelnes Wort. Das merke ich mir dann und schreibe daraus eine Geschichte. Meine mir selbst gesetzte Vorgabe ist, dass das getippte Wort darin vorkommen muss und die Geschichte aus nur einem Satz bestehen darf. Ohne Punkt, mit Komma – have fun!
Ach, mit Nostalgie hat das nichts zu tun, winkt sie ab und sucht in ihren verworrenen Gedanken nach dem Grund, warum sie Briefe viel lieber mag als Zwiegespräche und warum sie glaubt, in den Briefen jemand Anderes – jemand Besseres – zu sein und warum sich ihre Worte beim Reden ruppig und rau anfühlen, während sie auf Papier unaufhaltsam fließen, und all ihre Gefühle und Geheimnisse im geschriebenen Wort erst Gestalt annehmen, während sie sich beim Reden einfach selbst verschlucken und sich in ihr zu dem auflösen, was sie einmal waren – zerbrechliche Fragmente ihrer inneren Welt, die ans Tageslicht zu bringen sie sich nie zu trauen geglaubt hatte.
Liebevoll faltet sie ein Eselsohr in die Seite, die sie nach all den Jahren, nach all den gemeinsamen Abenteuern, nach all dem, was sie zusammen durchlebt und durchlitten hatten – und weswegen sie fest in der Annahme war, sie kenne ihn besser als sich selbst und wisse immer schon im Voraus, was er denken und sagen würde – gerade jetzt erst, in einem der alltäglichsten Momente überhaupt, an ihm entdeckt hatte.
Es war das alte Vorstadthaus, das sie gerettet hat, wird ihr mein einem Mal klar, als sie daran denkt, wie die ersten Strahlen der Frühjahrssonne sich durch die schmalen Ritzen der maroden, gletschergrünen Fensterläden – die sie auch tags geschlossen hielt, um das letzte bisschen ihres früheren Daseins ganz bei sich zu bewahren – zwängten und wie sie auf dem dunklen Holzboden zu ihr krochen, ihre Fußsohlen kitzelten und sie verführten, endlich vor die Tür zu treten und ihrem Leben, das zu verlieren sie Gefahr lief, die Hand zu reichen, und wie sich dann das Haus schützend hinter sie stellte und ihrer Angst, der Zauber eines Neubeginns könne sich wieder in Unheil wandeln, die Stirn bot.
Wie jeden Abend parkt er seinen Cayenne vor der kleinen Kneipe am Eck, die einzige in seiner Stadt, wo noch geraucht wird, und obwohl er mit seinen hochglanzpolierten Lackschuhen und dem teuren Designermantel augenscheinlich fehl am Platz ist, zieht es ihn immer wieder dorthin, sicherlich nicht wegen der anderen Gäste, die sich schwer vornüber gebeugt mit ihren halbleeren Gläsern unterhalten, sondern einzig wegen der brünetten Barfrau, die – mit einer Kippe im Mundwinkel – im stillen Einverständnis sein Bier zapft und mit dem immer selben, gleichgültig klingenden „hey, wie geht’s“ seinem Tag ein Zuhause gibt.